... und zur Arbeit

Eigentlich ist es allen ja vollständig egal, wann etwas produziert wurde. Man trägt Turnschuhe gemacht in China, während es in Europa dunkel war, fährt Autos aus der Nachtschicht, hört spät abends komponierte Musik und bewundert die Relativitätstheorie, obwohl Ihr Schöpfer ein Spätmensch war. Wenn einem nachts etwas passiert, freut man sich bisweilen sogar, dass da noch welche wach und für einen da sind.
Aber die große Tugendhaftigkeit soll dennoch auschließlich auf der Seite derer sein, die ihre Arbeitsbereitschaft irgendwann zwischen 7.00 und 17.00 Uhr bekunden?
Der gleiche Volksmund nennt so etwas auch mal scheinheilig – wie wahr!
Delta Times Titel

Jeden Tag das Gleiche von Henning Panke

Es ist doch jeden Tag das Gleiche:
Er beginnt damit, daß man ins Bett geht und dann...

Man hat es ja nur getan, um der Vernunft zu folgen, nicht dem eig´nen Triebe, da man Zwängen sich anpassend bereits um 6.30 h die erst unvollkommen erwärmte Bettstatt wieder verlassen muß.

...liegt man da. Hadernd mit sich selbst und dem Schicksal denkt man an alles mögliche, wie z.B. das Büro, nur nicht an erquickenden Schlaf (im Büro ist es dann genau umgekehrt!). Der Tip eines wohlmeinenden Zeitgenossen: »Zähl' doch einfach mal bis drei.« hat mir auch nicht weitergeholfen, es wurde regelmäßig halb vier.

Auch das Aufstehen ist ist dann ja nur mit verhaltener Wollust verbunden,- da man u.U. manches verwechselt oder noch nicht ganz klar sieht. Man kommt zwar zu so schönen Erkenntnissen, daß tote Gegenstände sich exakt soweit bewegen können, daß sie einem im Weg liegen, aber philosophisch so recht würdigen kann man sie erst zu fortgeschrittener Stunde unter Gleichgesinnten.

Nicht umsonst gibt es so schöne Sprüche wie: »Willst Du Dir den Tag versauen, mußt Du in den Spiegel schauen!« oder, beim Blick in denselben >>Ich kenn´ Dich nicht, ich wasch´ Dich nicht!<<. Fairerweise sollten wir hier auch noch den »FOCUS(< erwähnen.

Tagsüber geht es dann mit dem dummen Gerede weiter:>>Mein Gott, Du siehst ja aus, wie vom Galgen geschnitten!<< - >>Warum hat man gerade Dich exhumiert?<<.>>Wenn ich jetzt nicht ins Bett gehe, sehe ich bald so aus wie Du!<< Ich tröste mlch dann häufig mit der Ansicht von C.F.v. Weizsäcker, der meinte, die Askese im Handeln ermöglicht erst die Leistung des Denkens.
nach oben

Praktizierende Delta t-ler riskieren Arbeitsplatz

Eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts in Kassel stellt zeitversetzt und langschlafende Menschen, deren Arbeitszeit noch althergebrachten, unflexiblen Mustern folgt, vor erhöhte Anforderungen an ihre Wecktechnik. Wer öfter zu spät kommt, kann bereits nach der ersten Abmahnung dem Arbeitsamt zugeführt werden. Seine Leistungen nach dem Zuspätkommen oder ausgleichendes Zuspätgehen spielen hierbei selbstverständlich keine Rolle. (Aktenzeichen: 2 AZR 302/96)

nach oben
Mein Problem:

Es ist 2.00 Uhr und ich kann nicht schlafen, sondern schreibe diese Zeilen

Es liegt mir noch in den Ohren, als ich zu spät zur Erdkunde-Stunde kam und zum Lehrer sagte: „Entschuldigen Sie mein Zuspätkommen“ und das war falsch. Ich wurde vom Lehrer, dem Herrn Dietrich, aufgeklärt. „Das heißt: Bitte entschuldigen Sie mein Zuspätkommen“! Es war unangenehm genug, daß ich aus dem Tiefschlaf gerissen zur Schule rennen mußte. Und dann noch diese Anmache.

Dann fing ich meine Ausbildung an und mußte im Krankenhaus um 6.00 Uhr fröhlich dienstbereit sein. Ein Horror! Oft schaffte ich es nicht. Die Krankenschwestern, wohl mit einem Wecker zur Welt gekommen, hatten dann so einen Gesichtsausdruck, daß der Vormittag als gelaufen erkennbar war.

In der Fachschule war ich bekannt für meine Ankunft im Taxi. Es kostete mich ein kleines Vermögen, aber ich wäre sonst noch später zum Unterricht gekommen. Ein Mitschüler besorgte Aufputschmittel, aber das war auch keine Lösung. Den Gynäkologie-Dozenten lernte ich nie kennen. Er unterrichtete einige Wochen lang in den ersten beiden Stunden.
Da entschied ich mich aber immer für ein Frühstücksbuffet im Hotel „Schweriner Hof“. Der Tag fing so einigermaßen entspannend an. Die Anwesenheitskarte nahm ein anderer Mitschüler mit und gab sie in der Schule ab. Zum Glück wurde sie unbesehen vom Dozenten unterschrieben. Zweites Glück: Gynäkologie war kein Prüfungsfach.

Im späteren Berufsleben konnte ich mich auf eine Stelle als Sachgebietsleiter katapultieren und hatte von Prenzlau, Perleberg und Havelberg bis Spremberg so viele Außentermine, daß keiner meine Arbeitszeiten durchschaut hat. Ich hatte zwar einen 10-Stunden Arbeitstag, aber konnte die Arbeitszeit etwas verlagern. Ein schlechtes Gefühl begleitete mich allerdings fortwährend, denn es war üblich im Büro den Dienst zu beginnen.

Dann kam der Erziehungsurlaub. Ich nahm die zweite Hälfte, die ersten 8 Monate nahm meine Frau. Eigentlich wunderbar für einen Zeitversetzten, aber die Kinder mußten zur Kindertagesstätte. Da kamen sie dann oft erst um 11.00 Uhr oder zum Mittagessen an und verpaßten damit das pädagogische Vormittagsprogramm (am Nachmittag wurde meist „nur“ gespielt). Das gab Ärger.

Nun habe ich eine neue Arbeitsstelle und muß um 5.00 Uhr aufstehen, wenn ich alles schaffen soll (Kinder in die Kita bringen, der lange Fahrweg – der Bus meist im dicken Stau steckend). Die ersten drei Wochen klappte es wie am Schnürchen. War ich froh. Meine Frau sah sich aller schlimmen Befürchtungen entlastet. Sie muß noch früher aufstehen! Ich konnte meinen inneren „Schweinehund“, der mich morgens an das Bett fesselte, besiegen“

Jetzt ertappe ich mich früh morgens öfters im Taxi ...

Mark-Peter Althausen

nach oben
Isolde Stark

Hilfe, ich bin eine Eule!

Was tun, wenn Sie eine Eule, Ihr Chef aber eine Lerche ist? Sprich, wenn Ihre chronobiologische Uhr Sie erst nachmittags zu Hochform auflaufen lässt, während Ihr Chef beim Morgengrauen glockenwach zur Besprechung ruft.

An Ihrem 50. Geburtstag, Frau Stark, werden Sie endlich einmal pünktlich sein müssen“, kündigte mir mein Bereichsdirektor im Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäo-logie der Akademie der Wissenschaften der DDR mit zufriedenem Lächeln an. Das hieß im Klartext: Um 8 Uhr morgens wird er zusammen mit dem Gewerkschaftsvorsitzenden des Instituts mir höchst offiziell zum Geburtstag gratulieren. Der Bereichsdirektor war eine Lerche und ich eine Eule. Er war schon früh putzmunter und voller Tatendrang und erwartete das auch von allen anderen. Ich konnte mich früh vor bleierner Müdigkeit kaum aufrecht halten, hatte einen dröhnend leeren Kopf und war dem Tode näher als dem Leben. Er war der Vorgesetzte und ich eine einfache wissenschaft-liche Mitarbeiterin – die Machtverhältnisse waren klar.

Doch die Götter meinten es gut mit mir: Als ich fünfzig wurde, gab es die DDR nicht mehr und auch nicht mehr das Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie. Ich war über das Wissenschaftler-Integrationsprogramm an die Humboldt-Universität zu Berlin gekommen und mein damaliger Institutsdirektor und mein Lehrstuhlchef waren nicht nur Eulen, sondern auch glücklicherweise völlig uninteressiert an Geburtstagen der Mitarbeiter im allgemeinen und an fünfzigsten im besonderen und an morgendlichen Gratulationszeremonien ohnehin. Meine Lehrveranstaltungen legte ich in die späten Nachmittags- bzw. frühen Abendstunden, wenn meine kleinen grauen Zellen sich schnell und mit Lust und Freude vernetzten. Mein Engagement und meine Begeisterung für die Alte Geschichte übertrug sich immer wieder – deutlich erkennbar – auf die Studierenden.

Lang zurück lagen die Strapazen morgendlicher Lehre, als ich schon einmal an der Humboldt-Universität arbeitete. Im Zwei-Schicht-Betrieb mußten wir lehren. Die Unterrichtszeiten wurden zentral vergeben. Ich hatte das Pech, früh um sieben auf der Matte stehen zu müssen. Stand ich aber häufig nicht, weil ich wegen Kreislaufversagens in der S-Bahn oder vor den Studierenden umkippte. Mein Körper und besonders mein Gehirn waren noch auf Tiefstschlaf eingestellt und verweigerten sich den Zumutungen körperlicher und geistiger Betriebsamkeit zu solchen Unzeiten. Doch das war nun Vergangenheit. Ich genoß die Freiheit von Forschung und Lehre und auch die Freiheit des selbstbestimmten Zeitmanagements: das ungestörte abendliche und nächtliche Ar-beiten am häuslichen Schreibtisch, das nicht als Abendfl eiß einer Faulen schief angesehen wurde.
Eulen sind gar nicht so selten
Dann kam ich nach Halle. Mein neuer Chef – Hilfe! – war eine passionierte Lerche, wie ich schnell merkte. Meine Eulenhaftigkeit fiel zunächst nicht auf. Denn ich wohnte weiterhin in Berlin. Für Drittmittelprojekte, die selbst bei längerer Laufzeit jährlich bzw. jedes zweite Jahr überprüft werden, lohnt kein Umzug, wenn keine Präsenzpflicht gefordert ist und sich die Entfernung zum Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort in Grenzen hält. Der Chef hatte vormittags Lehrveranstaltungen, so daß er mich ohnehin erst nachmittags wahrnahm. Doch dann hatte ich ein passendes Frem-denzimmer gefunden und übernachtete häufig. Ohne zeitliche Begrenzung konnte ich nun in unserer Bibliothek, in der alle altertumswissenschaftlichen Disziplinen vereint sind, arbeiten. Es stellte sich heraus, daß ich nicht die einzige Eule war, doch die nächtlich ausdauerndste. Zwei oder drei Uhr konnte es schon werden. Das sprach sich rum. Doch die sonst so schnell gesagten Sprüche von der Morgenstund’, die angeblich Gold im Mund haben soll, oder vom frühen Vogel, der den Wurm findet, blieben aus. Nachts zu arbeiten war in diesem überschaubaren, kleinen Institut eben weiter verbreitet. Studierende, die sonst schon um 17 Uhr die Bibliothek hätten verlassen müssen, konnten länger bleiben und arbeiten, weil ich ihnen nachts alle abgeschlossenen Türen nach draußen öffnete. Aber als mein Chef mich eines Tages schon früh um halb neun zu einer wissenschaftlichen Debatte bitten wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich als Eule zu outen. Er nahm es gelassen und meinte nur, das kennt er von seiner Frau. Wir trafen uns abends.
Als fauler Langschläfer will keiner verschrien sein
Jetzt ist mein Chef von weiteren Drittmittel-Eulen regelrecht umzingelt. Lehrstuhlberatungen zu Organisations-, Verwaltungs- und Berichtsfragen finden grundsätzlich am Nachmittag statt. Inhaltliche Debatten legt er in die frühen Abendstunden, wenn sein Gehirn noch munter und wir geistig bereits gut in Schwung sind. Diese Diskussionen machen einfach Spaß und sind für jeden ein Gewinn. Gelegentlich kommt mein Chef, bevor er gegen 21 Uhr das Institut verläßt, in mein Zimmer. Verständnis heischend für seinen frühen Dienstschluß weist er darauf hin, daß er bereits seit 8 Uhr morgens am Wirken sei und wünscht mir eine ertragreiche Nacht. Sollte ich allerdings aus irgendeinem Grunde mal früh um neun im Institut auftauchen, dann fragt er mich besorgt, ob ich denn schon unter seniler Bettflucht leide.

Beneidet werde ich von Bekannten unterschiedlicher akademischer Ränge aus naturwissenschaftlichen und medizinischen Fächern, die auch Eulen sind. Es ist überwiegend das Labor mit der normalen Arbeitszeit technischer Mitarbeiter, das sie unfreiwillig zu Frühaufstehern macht, und es herrscht eine Tendenz, den Arbeitsbeginn noch zeitiger anzusetzen. Da werden die erstaunlichsten Anstrengungen unternommen, die schon an Masochismus grenzen, nur um nicht als potentieller Langschläfer und damit als liederlich und faul verdächtigt zu werden. Dabei schlafen menschliche Eulen nicht länger, sondern nur zeitversetzt bzw. würden gern zeitversetzt schlafen, wenn man sie denn ließe. So leiden sie unter chronischem Schlafdefi zit. Ob das der beste Nährboden für wissenschaftliche Höhenflüge ist, darf füglich bezweifelt werden. Es gibt auch Chefs, die ihre Labors und ihre Mitarbeiter im Rahmen des Möglichen flexibler arbeiten lassen könnten, doch auch sie hält die Angst zurück, mit ihrem ‚abnormen’ Schlafbedürfnis aus der Rolle zu fallen und damit einen Autoritäts- und Prestigeverlust zu erleiden, der sich durch den blühenden Klatsch und Tratsch in der eigenen scientific comunity deutschlandweit potenzieren könnte. Aber auch die Meinung der lieben Nachbarn ist erstaunlich wichtig. So läßt man beispielsweise zeitgesteuert die Jalousien des Schlafzimmers zur üblichen Aufstehzeit hochgehen, selbst wenn man an diesem Tage zu Hause arbeitet und nicht ins Institut muß.

Allerdings arbeite ich nicht nur in paradiesischen Zuständen, wie diese Bekannten meinen. Öffnungszeiten von anderen Bibliotheken und von Archiven zwingen mich immer wieder, zur Unzeit aufzustehen, um die Lektüre und die Recherchen in einem vertretbaren Zeitraum zu bewältigen. Qualen bereiten mir Konferenzen, wenn die Vorträge, die für die eigene Forschung wichtig sind, ausgerechnet in den frühen Vormittagsstunden gehalten werden. In fremden Sprachen kann ich zu diesen Zeiten auch nicht parlieren, d.h. meine Diskussionsbeteiligung fällt wegen Müdigkeit und schlafender Fremdsprachenzentren des Gehirns aus.

Trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, die ich mit anderen Eulen in der Wissenschaft teile, sind meine Arbeitsbedingungen sehr gut. Hätte mein Chef von mir Präsenzpflicht und Arbeit zu den üblichen Dienstzeiten erwartet und eingefordert, dann wäre garantiert nicht mein Buch über “Die hämische Muse” entstanden, von dem ein Rezensent meinte, dieses “schon immer spekulationsbeschwerte Kapitel der griechischen Komödie dürfte nun wohl umzuschreiben sein”, denn ich forschte, grübelte und schrieb weitgehend abends und nachts.

„Menschliche Eulen schlafen nicht länger, sondern nur zeitversetzt – wenn man sie denn lässt.“

nach oben
Themen: Jeden Tag das Gleiche | Arbeitsplatzverlust | Ich kann nicht schlafen | Hilfe, ich bin eine Eule! |
Günter Woog, schlafend plus Zeiger
Mark-Peter Althausen
Dr. Isolde Stark
Dr. Isolde Stark
Privatdozentin für Alte Geschichte –
und Zweitnormale

Ihre chronobiologische Uhr folgt dem Eulen-Rhythmus: Der frühe Morgen ist nicht die Zeit der Isolde Stark. 1994 wurde die Althistorikerin Mitglied bei ‘Delta t. Verein für Zweitnormalität’.
Der im südhessischen Dreieich ansässige Verein setzt sich für die öffentliche Akzeptanz von Menschen mit normenabweichenden biologischen Rhythmen ein und fordert eine flexiblere Anpassung der Arbeitswelt – jenseits von Schichtarbeit – an die unterschiedliche biologische Disposition der arbeitenden Menschen, um deren kreatives Potential sinnvoll zu nutzen und nicht durch zeitlichen Fehleinsatz zu verschleudern.
Isolde Stark ist Privatdozentin für Alte Geschichte an der Universität Halle-Wittenberg. Sie forscht über griechische Mentalitätsgeschichte (‘Die hämische Muse. Spott als soziale und mentale Kontrolle in der griechischen Komödie’, München 2004) und römische Religionsgeschichte.
Zurzeit schreibt sie eine Monographie über ‘Religiöse Konfl ikte in Rom durch neue Götter und Kulte’.

(Der Artikel von Dr. Isolde Stark erschien ursprünglich im duzMAGAZIN 12/2006)
„Menschliche Eulen
schlafen nicht länger,
sondern nur zeitversetzt –
wenn man sie denn lässt.“